Gulden und Taler: So rechnete Deutschland vor der Mark
Bis 1873 gab es kein deutsches Geld, sondern deutsche Gelder: Im Norden und in Preußen rechnete man in Talern zu 30 Silbergroschen, im Süden in Gulden zu 60 Kreuzern. Münzverträge banden beide ab 1838 fest aneinander (1 Taler = 1¾ Gulden), bis die Mark 1873 beide ablöste. Die Bundesbank weist für Gulden und Taler Kaufkraftfaktoren von 1810 bis 1873 aus - dieser Artikel erklärt die Systeme und zeigt die Werte.
Zwei Währungsräume
Der Taler war seit dem 16. Jahrhundert die große Silbermünze des Reichs; Preußen machte ihn mit der Münzreform von 1821 zur Grundlage seines Systems: 1 Taler = 30 Silbergroschen = 360 Pfennig. Sachsen, Hannover, die mecklenburgischen und thüringischen Staaten folgten dem Taler, teils mit eigener Groschenteilung (24 Gute Groschen). Der Gulden (Zeichen fl., von florenus) galt in Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau, Hohenzollern und der Freien Stadt Frankfurt: 1 Gulden = 60 Kreuzer, 1 Kreuzer = 4 Pfennig (in Bayern 8 Heller). Ein Reisender von Hamburg nach München musste also nicht nur Münzen, sondern das Rechensystem wechseln.
Die Münzverträge 1837 bis 1857
Der Deutsche Zollverein von 1834 brauchte vergleichbares Geld. Der Münchner Münzvertrag 1837 vereinheitlichte den süddeutschen Gulden auf den 24½-Gulden-Fuß (24,5 Gulden aus einem Zollpfund Feinsilber von 500 g). Der Dresdner Münzvertrag 1838 band Taler (14-Taler-Fuß) und Gulden fest aneinander - 2 Taler = 3½ Gulden, also 1 Taler = 1,75 Gulden - und schuf die Vereinsmünze zu 2 Talern beziehungsweise 3½ Gulden, die in beiden Räumen galt. Der Wiener Münzvertrag 1857 schließlich führte den Vereinstaler ein (30 Taler aus 500 g Feinsilber, 16,67 g Feinsilber je Stück), an dem sich auch Österreich beteiligte. Damit war der deutsche Geldraum faktisch vereinheitlicht, bevor er politisch geeint war.
1873: Taler und Gulden werden Mark
Das Münzgesetz vom 9. Juli 1873 setzte die neue Reichswährung Mark auf Gold und legte die Umrechnung fest: 1 Taler = 3 Mark, 1 Gulden = 1 5/7 Mark (rund 1,71 Mark), das heißt 1 Mark = 10 Silbergroschen = 35 Kreuzer. Die Umstellung dauerte Jahre: Vereinstaler blieben bis 1907 als 3-Mark-Stücke gesetzliches Zahlungsmittel, süddeutsche Guldenmünzen liefen bis 1876 um, und im Alltag rechneten viele Menschen noch lange in Talern - "ein Taler" für drei Mark hielt sich bis in die Kaiserzeit.
Kaufkraft von Gulden und Taler heute
Die Faktoren der Bundesbank beruhen für diese Zeit auf rekonstruierten Lebenshaltungskosten und sind entsprechend grob; die Bundesbank weist einzelne Jahrgänge als besonders unsicher aus. Sie zeigen aber das Verhältnis der beiden Währungen und die großen Preisbewegungen:
| Jahr | 1 Gulden heute | 1 Taler heute | Taler je Gulden |
|---|---|---|---|
| 1810 | rund 28,80 € | rund 50,40 € | 1,75 |
| 1820 | rund 30,90 € | rund 54,10 € | 1,75 |
| 1830 | rund 25,40 € | rund 44,50 € | 1,75 |
| 1840 | rund 26,50 € | rund 46,30 € | 1,75 |
| 1850 | rund 28,80 € | rund 50,40 € | 1,75 |
| 1860 | rund 20,90 € | rund 36,60 € | 1,75 |
| 1870 | rund 18,80 € | rund 32,90 € | 1,75 |
Die letzte Spalte liegt in jedem Jahr bei rund 1,75 - dem vertraglichen Verhältnis - weil beide Reihen denselben Preisindex nutzen. Die starken Schwankungen zwischen den Jahrzehnten spiegeln Agrarkrisen (Teuerung 1816/17 nach dem Vulkanausbruch des Tambora, Hungerkrise 1846/47) und Erntejahre: In einer Wirtschaft, in der Brot den größten Teil der Ausgaben ausmachte, bewegte der Getreidepreis die gesamte Kaufkraft.
Was ein Gulden oder Taler bedeutete
Ein Tagelöhner verdiente um 1850 etwa einen halben Gulden oder 10 bis 15 Silbergroschen am Tag, ein Handwerksmeister das Doppelte; ein Pfund Brot kostete wenige Kreuzer, eine Kuh 30 bis 60 Gulden. Die Faktoren der Bundesbank übersetzen das: 1 Gulden von 1850 entspricht rund 28,80 €, 1 Taler rund 50,40 €. Ein Wochenlohn von 3 Gulden hatte damit die Kaufkraft von rund 86 € - deutlich weniger als heute, aber bei ganz anderer Ausgabenstruktur ohne Miete in heutiger Höhe, Versicherungen und Verkehr.
Sammlerstücke
Vereinstaler und Kronentaler sind mit rund 16 bis 26 g Feinsilber Anlage- und Sammlermünzen; ihr Grundwert ist der Silberpreis, Aufschläge gibt es für Erhaltung, seltene Staaten und Gedenkprägungen (Siegestaler, Ausbeutetaler aus Bergwerkssilber). Guldenmünzen sind kleiner (rund 9,5 g Feinsilber) und in guter Erhaltung gesucht. mark-in-euro.de nennt keine Sammlerpreise; für die Bewertung ist der Münzhandel zuständig.
Alle Jahrgänge: Gulden in Euro, Taler in Euro. Was danach kam: Münzen und Scheine des Kaiserreichs, Alte deutsche Währungen im Überblick.