Mark in Euro

Hyperinflation 1923: Wie die Mark wertlos wurde

Kurz gesagt

1923 verlor die deutsche Mark innerhalb weniger Monate praktisch ihren gesamten Wert: Ein US-Dollar kostete im Januar rund 18.000 Mark, am 20. November 4,2 Billionen Mark. Die Bundesbank weist deshalb für 1922 und 1923 keine Kaufkraftfaktoren aus; die Reihe der Mark endet 1921, die der Reichsmark beginnt 1924. Dieser Artikel erklärt, wie es dazu kam, wie die Menschen damit lebten und wie die Währung wieder stabil wurde.

Vorgeschichte: das Ende der Goldbindung 1914

Bis zum Sommer 1914 war die Mark eine Goldwährung: Die Reichsbank musste ihre Noten jederzeit gegen Gold einlösen (1 Mark = 1/2790 kg Feingold), und der Umfang des Papiergelds war an die Goldreserve gebunden. Am 4. August 1914, mit Kriegsbeginn, hob das Reich diese Einlösepflicht auf. Von nun an konnte die Reichsbank Geld drucken, ohne Gold dafür zu hinterlegen - und das Reich finanzierte den Krieg zu großen Teilen nicht über Steuern, sondern über Kriegsanleihen und Kredite der Reichsbank, also über die Notenpresse. Die umlaufende Geldmenge verfünffachte sich bis 1918, während das Warenangebot kriegsbedingt schrumpfte.

1914 bis 1921: die schleichende Entwertung

Die Faktoren der Bundesbank zeigen den Kaufkraftverlust der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre:

Kaufkraft der Mark 1913 bis 1921
Jahrgang1 Mark entspricht heuteKaufkraft gegenüber 1913
Mark 1913rund 6,60 €-
Mark 1914rund 6,60 €wie 1913
Mark 1916rund 3,70 €43,9 % weniger als 1913
Mark 1918rund 2,10 €68,2 % weniger als 1913
Mark 1919rund 1,40 €78,8 % weniger als 1913
Mark 1920rund 0,60 €90,9 % weniger als 1913
Mark 1921rund 0,50 €92,4 % weniger als 1913

Von 6,60 € (1913) auf 0,50 € (1921): In acht Jahren verlor die Mark rund 92 Prozent ihrer Kaufkraft. Das war bereits eine schwere Inflation - aber noch eine, in der Preise in Mark gedacht und Löhne monatlich gezahlt wurden. Nach dem Krieg kamen Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag hinzu, die in Gold und Devisen zu leisten waren; das Reich kaufte die Devisen mit frisch gedruckten Mark und trieb den Wechselkurs weiter.

1922 und 1923: die Hyperinflation

Ab Mitte 1922 kippte die Inflation in die Hyperinflation: Die Preise stiegen nun schneller, als die Notenpresse nachkam. Der Anlass für den letzten Schub war die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen im Januar 1923 und der von der Reichsregierung ausgerufene "passive Widerstand": Das Reich zahlte die Löhne der streikenden Arbeiter und Beamten im Ruhrgebiet weiter - mit gedrucktem Geld. Im Sommer 1923 verdoppelten sich die Preise etwa alle drei bis vier Tage.

Die Reichsbank gab Noten mit immer höheren Nennwerten aus: 100.000 Mark im Februar, 1 Million im Juli, 1 Milliarde im September, 100 Billionen Mark im November 1923 - das war der höchste je gedruckte deutsche Nennwert. Städte, Firmen und Bahnen druckten eigenes Notgeld, weil die Reichsbank nicht genug Scheine liefern konnte; alte 1.000-Mark-Scheine wurden mit dem Aufdruck "Eine Milliarde Mark" wieder ausgegeben. Löhne wurden täglich, zum Teil zweimal täglich ausgezahlt und sofort in Waren umgesetzt. Ein Brot kostete im November 1923 mehrere hundert Milliarden Mark, eine Briefmarke 10 Milliarden.

Wer verlor, wer gewann

Verlierer waren alle, die Geldvermögen hielten: Sparer, Inhaber von Kriegsanleihen, Rentner mit festen Bezügen, Vermieter mit Altmieten, Gläubiger jeder Art. Ein Sparguthaben von 100.000 Mark, das 1913 ein Vermögen gewesen war, kaufte im November 1923 keine Briefmarke mehr. Gewinner waren Schuldner - der Staat selbst voran, dessen Kriegsschulden sich in Nichts auflösten - sowie Besitzer von Sachwerten: Grundstücke, Fabriken, Devisen, Gold. Die Erfahrung, dass Geld auf dem Papier bleiben und trotzdem verschwinden kann, prägte in Deutschland das Verhältnis zu Inflation für Generationen und ist einer der Gründe für den späteren Ruf der D-Mark als Stabilitätswährung.

Rentenmark und Reichsmark: die Stabilisierung

Am 15. November 1923 nahm die Deutsche Rentenbank ihre Arbeit auf und gab die Rentenmark aus, gedeckt nicht durch Gold, das nicht vorhanden war, sondern durch Grundschulden auf Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe. Eine Rentenmark entsprach einer Billion Papiermark und wieder dem Goldwert der Vorkriegsmark: 4,20 Rentenmark je US-Dollar. Entscheidend war weniger die Deckung als die strikte Begrenzung der Ausgabemenge auf 2,4 Milliarden Rentenmark und das Ende der Kreditvergabe an das Reich. Das "Wunder der Rentenmark" gelang: Die Preise stabilisierten sich binnen Wochen.

Mit dem Münzgesetz vom 30. August 1924 folgte die Reichsmark als reguläre Währung, wieder mit Goldkern (40 Prozent Deckung in Gold und Devisen), im Verhältnis 1 Reichsmark = 1 Rentenmark = 1 Billion Mark. Die Rentenmark lief noch bis 1948 parallel um. Nach den Faktoren der Bundesbank hatte 1 Reichsmark 1924 die Kaufkraft von rund 5,10 € von heute - fast genau der Wert einer Goldmark von 1913 (rund 6,60 €). Die neue Währung knüpfte damit bewusst an die Vorkriegszeit an.

Was das für die Umrechnung bedeutet

Für Beträge aus 1922 und 1923 gibt es auf mark-in-euro.de keine Kaufkraftangabe, weil jede Jahreszahl den Monat oder sogar den Tag bräuchte, um sinnvoll zu sein: "10.000 Mark" waren im Januar 1923 ein Monatsgehalt und im November nicht einmal mehr ein Fahrschein. Wer einen Betrag aus dieser Zeit einordnen will, braucht den Dollarkurs des Tages - historische Tabellen der Reichsbank verzeichnen ihn - und kann dann über die Goldmark zurückrechnen. Für alle Jahre bis 1921 gilt die Tabelle oben; ab 1924 die Reihe der Reichsmark.

Weiterlesen: Goldmark: Wert, Goldgehalt und Kaufkraft bis 1914, Währungsreform 1948, Alte deutsche Währungen im Überblick. Alle Jahrgänge der Mark: Mark in Euro.

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